Hightech, Roboter und trotzdem bleibt der Mensch wichtig
Die Medizin verändert sich ständig. Was gestern noch nach Zukunftsmusik klang, gehört heute schon zum Alltag. Das gilt auch für die Urologie in Höxter.
31.08.2026
Seit zweieinhalb Jahren leite ich die urologische Klinik am St. Ansgar Krankenhaus in Höxter. Insgesamt bin ich seit 21 Jahren in der Urologie tätig. In dieser Zeit hat sich sehr viel verändert. Manche Dinge nur ein bisschen, andere ziemlich gewaltig.
Eine der spannendsten Entwicklungen ist für mich ganz klar die robotisch unterstützte Chirurgie mit dem Da Vinci-System. Im Jahr 2011 habe ich mit der Robotertechnik angefangen, Patienten zu operieren. Nach nun 2500 Operationen ziehe ich ein sehr positives Fazit. Seit fast vier Jahren operieren wir in Höxter mit dieser modernen Technik. In diesem Jahr werden wir unsere 500. Da Vinci-Operation in der Urologie durchführen.
Was kann der Roboter besser? Das Da Vinci-System gibt uns eine dreidimensionale und stark vergrößerte Sicht auf das Operationsgebiet. Dadurch können wir sehr kleine Strukturen besonders genau erkennen und bearbeiten. Wir arbeiten teilweise in einem Bereich von ungefähr 200 Mikrometern. Das klingt erst einmal nach ziemlich wenig – ist es auch. Gerade bei Operationen an der Prostata ist diese Genauigkeit wichtig. Denn dort geht es nicht nur darum, einen Tumor zu entfernen. Wir möchten gleichzeitig möglichst wichtige Nerven, Blutgefäße und den Schließmuskel schonen. Denn für einen Patienten ist nach einer erfolgreichen Operation nicht nur die Frage wichtig: „Ist der Krebs weg?“ Genauso wichtig ist: „Wie geht es mir danach? Kann ich wieder normal leben? Bin ich wieder kontinent? Wie sieht es mit meiner Lebensqualität aus?“ Genau hier kann die präzise, robotisch unterstützte Operation ihre Vorteile ausspielen.
Ein weiterer Vorteil: Wir operieren minimalinvasiv. Das bedeutet: Kein großer Bauchschnitt, sondern mehrere kleine Zugänge. Durch diese werden die Instrumente in den Körper eingeführt. Das kann weniger Belastung für den Körper, weniger Schmerzen und Blutverlust sowie eine schnellere Erholung bedeuten. Viele Patienten können bereits kurze Zeit nach der Operation wieder aufstehen und sich bewegen. Auch der Krankenhausaufenthalt kann bei geeigneten Eingriffen kürzer ausfallen. Natürlich gibt es auch Grenzen. Wer am zweiten Tag nach der Operation fragt: „Wann kann ich eigentlich wieder den Keller ausräumen?“, bekommt von uns normalerweise noch keine Freigabe. Auch ein Da Vinci-Roboter kann schließlich keine Wunder vollbringen.
Hightech kommt bei uns aber nicht erst im Operationssaal zum Einsatz. Bevor ein Prostatakrebs operiert werden kann, muss er erst einmal gefunden werden. Auch bei der Prostatabiopsie hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel verändert. Früher wurden Gewebeproben häufig nach einem festen Schema entnommen. Heute können wir viel gezielter nach verdächtigen Stellen suchen. Dabei helfen unter anderem MRT, Ultraschall, Bildfusion und intelligente Computersysteme. Wir setzen beispielsweise auf ein System, das die Bilder der MRT-Untersuchung mit den Ultraschallbildern zusammenführt. So können wir verdächtige Stellen gezielter ansteuern und dort Gewebeproben entnehmen. Auch künstliche Intelligenz hilft uns dabei. Sie kann große Mengen an Bildinformationen schnell analysieren und auffällige Bereiche markieren. Das kann dem Arzt bei der Beurteilung helfen. Aber auch hier gilt: Die KI sitzt nicht plötzlich im Arztkittel und übernimmt die Untersuchung. Sie unterstützt uns – die Entscheidung trifft weiterhin der Arzt. Die Zukunft wird deshalb wahrscheinlich nicht heißen „Mensch gegen Maschine“, sondern „Mensch mit Maschine“. Und genau das ist eigentlich eine ziemlich gute Kombination.
Unsere Arbeit besteht natürlich nicht nur aus Prostataerkrankungen. Wir behandeln unter anderem Erkrankungen von Niere, Harnleiter, Blase, Prostata, Hoden und anderen männlichen Geschlechtsorganen. Dazu gehören beispielsweise Nieren- und Harnleitersteine, gutartige Prostatavergrößerungen, Probleme beim Wasserlassen, Harninkontinenz sowie Krebserkrankungen der Niere, Prostata, Blase und Hoden. Dabei gilt: Moderne Medizin bedeutet nicht, möglichst viel Technik aufzustellen. Sie bedeutet vor allem, die richtige Technik zum richtigen Zeitpunkt sinnvoll einzusetzen.
500 Operationen sind kein Grund, sich zurückzulehnen. Wir tauschen Erfahrungen aus, überprüfen unsere Ergebnisse, verbessern unsere Operationstechniken und geben unser Wissen an jüngere Kollegen weiter. So beeindruckend Roboter, MRT, künstliche Intelligenz und moderne Operationssysteme auch sind, am Ende geht es immer um den Menschen. Kurz gesagt: Hightech ist beeindruckend, aber Technik allein heilt keinen Menschen. Dafür braucht es Menschen, die wissen, was sie tun.
Bleiben Sie gesund! Und wenn etwas nicht stimmt: Lieber einmal zu früh zum Urologen als zu spät.
Ihr Dr. Saša Pokupić
Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie am
St. Ansgar Krankenhaus in Höxter